Das Jahr 1960 brachte der Familie Haushofer einen erneuten Umzug, der jedoch Marlens Arbeitssituation entscheidend verbesserte. Hier in dieser neuen Wohnung
(Taborweg 19) sollte Marlen ihre drei wichtigsten Bücher schreiben. Das Zweifamilienhaus lag jenseits des Flusses Steyr auf einer Anhöhe im Stadtteil Tabor. Marlen freute sich auf die neue Wohnung, es gebe dort genug Luft und Licht und kaum Lärm. Das Haus hatte einen Garten und sogar Zentralheizung, in Zukunft musste Marlen
"im Winter nicht mehr bitter frieren", wie sie in einem Brief an Hans Weigel schrieb.
Im November 1960, nachdem der Sohn Christian in den Militärdienst eingerückt war, schien die Zeit reif für Marlen Haushofers Geniestreich.
"Der Stoff zur Wand muss immer schon dagewesen sein", sagte sie in einem Interview.
"Ich habe ihn mehrere Jahre herumgetragen, aber ich habe mir nicht einmal Notizen gemacht (...). Ich habe auch mit niemandem darüber gesprochen." Die Umstände waren günstig in der geräumigen, hellen Wohnung, wo Marlen ihre Ruhe zu finden schien. Am liebsten setzte sie sich an den Tisch der Wohnküche, wo das Fenster den Blick auf den Garten hinaus eröffnete. Sie nahm sich nun jeweils nachmittags zwei drei Stunden, um zu schreiben, weil ihr "mein früher Morgen einfach zu früh" geworden war.
"Das ist zwar nicht die ideale Zeit und auch das ist nur möglich geworden, weil meine Kinder erwachsen geworden sind und ich in diesen drei Stunden alleine bin. Der Abend gehört der Familie. Da auch die Wochenenden wegfallen und häufig nachmittags etwas Unaufschiebbares dazwischen kommt, bleiben mir zum Schreiben durchschnittlich drei Nachmittage." Daneben führte die Schriftstellerin das normale Familienleben. Im Sommer benutzte man den Swimmingpool im Garten, grillierte, abends lief der Fernseher meist bis Sendeschluss. Marlen rauchte ihre
Reno-Mentholzigaretten; ab neun Uhr abends war sie als Morgenmensch meist sehr müde. Wenn Marlen alleine sein wollte, waren der sonst schon eher kontaktscheuen Frau Nachbarn ein Gräuel.
"Von mir aus", meinte sie einmal,
"sollen sie sich Dinosaurier im Garten halten, wenn sie mich nur in Ruhe lassen".