Auch Hans Weigel resümierte später, dass die beiden Zsolnay-Romane nicht perfekt waren; ganz im Gegensatz zur Novelle
Wir töten Stella, die mit Recht zu den Meisterwerken Marlen Haushofers zählt. Diese Erzählung erschien im Jahre 1958 im Bergland Verlag. Die öffentliche Reaktion war zwar eher gering, jedoch überwiegend positiv. Jeannie Ebner bezeichnete die Novelle in einem Brief an ihre Freundin Anfang 1959 als
"das reifste und geschlossenste Ding, das Du bisher geschrieben hast." 1963 wurde
Wir töten Stella mit dem
Arthur Schnitzler-Preis ausgezeichnet.
Marlen war nun Ende Dreissig und hatte nicht nur mit ihren Depressionen zu kämpfen. Abgesehen von ihrer Lungenkrankheit litt sie unter hohem Blutdruck in Zusammenhang mit einem alten Nierenleiden, an chronischem Fieber und einer Anämie. Im Januar 1958 stürzte sie in Wien in einem Schwindelanfall aus der damals noch offenen Strassenbahn und erlitt Wirbelprellungen. Ausserdem machte ihr auch der Umstand zu schaffen, dass andere österreichische Schriftsteller längst den Durchbruch vollzogen hatten, während sie selber kaum vom Fleck zu kommen schien. So wird Marlen Haushofer auch heute noch nur selten als Zeitgenossin der international bekannten Ingeborg Bachmann wahrgenommen. Vielleicht deshalb, weil Marlen im Gegensatz zu Ingeborg Bachmann nie Weltbürgerin wurde; sie blieb Försterstochter, Zahnarztgattin, Hausfrau. Weder ihre biedere äussere Erscheinung noch ihr umgangssprachlicher Briefstil verrieten etwas von einer Künstlernatur. Marlen hasste öffentliche Auftritte, war eine schlechte Interpretin ihrer Werke, erhob die Stimme nur leise und übte sich in Bescheidenheit. Letzteres diente möglicherweise als Schutzschild gegen zu hohe Erwartungen. Dennoch - mit dem Buch
Die Wand, das ihr berühmtestes werden sollte, gelang Marlen Haushofer der Befreiungsschlag aus der Mittelmässigkeit.
Manfred Haushofer war inzwischen auch aufgrund seiner schweren Herzkrankheit immer schwieriger geworden. In Marlens Briefen an ihre Freunde hiess es oft, er kränkle, sei nervös und deprimiert. Er arbeite zuviel und liebe seinen Beruf nicht. In Steyr war Manfred als Zahnarzt gefürchtet, weil er als ungeduldig und cholerisch galt und seine Patienten gelegentlich auch anschrie. Wer über Schmerzen klagte, den hielt er für wehleidig. Er neigte zu Jähzorn und konnte mit Geld nicht gut umgehen. So musste sich die Familie häufig einschränken. Warum Marlen im Februar 1958 Manfred ein zweites Mal heiratete, ist fraglich. War es Liebe oder Mitleid? Auf die Frage einer Freundin hin, was sie nach all den Jahren zu diesem Schritt bewogen habe, meinte sie lapidar:
"Du kannst in Steyr nicht geschieden sein". Dann wurde es ruhiger um Marlen Haushofer.